Bevor ich meine kleine Geschichte von heute mit mir und euch teilen möchte, muss ich mich diesmal an einer kleinen Vorgeschichte als Einleitung bedienen.
Bis vor gut drei Jahren litt ich an chronischen Depressionen. Chronisch im Sinne von regelmäßig wiederkehrend, nicht permanent vorhanden. Obwohl, wer weiß, ich tendiere aus heutiger Sicht sogar zur zweiten Variante. Die depressive Stimmung, oder besser gesagt Verstimmung (ich halte den Vergleich mit nem verstimmten, also momentan unbrauchbaren Musikinstrument für ziemlich zutreffend) wahr wohl permanent vorhanden, aber eben nur in unerschiedlichem Ausmaß ausgeprägt. Eigentlich begann diese permanente Überforderung meiner Sinne, vor allem meines Denkens schon im zarten Teenager Alter. Also genau zu jener Zeit, als mein pubertierender Geist erstmals mein “Ich” entdeckte und dieses zu relativieren begann. Über die Jahre wurden die Denkmuster zu tiefenwirksamen Prägungen, die mein Leben sichtlich und kontinuierlich erschwerten. Dass die Grundsteinlegung für diese sukzessive Selbstrelativierung und in weiterer Folge beinahe Selbstzerstörung sicherlich schon als kleines Kind statt fand, sei der Vollständigkeit zuliebe hier auch erwähnt. Meinen Eltern möchte ich hierbei keineswegs Fahrlässigkeit oder fälschliches Verhalten unterstellen – ganz im Gegenteil – ich sehe heute sehr klar ihren Willen und die positive Absicht ihres Handelns. Doch was man selbst als Kind nicht erfahren hat, wird man später auch nicht an seine eigenen Kinder und Lebenspartner weitergeben können, es sei denn, man begibt sich auf die konkrete Suche nach jenen Dingen, die man als Kind haben wollte, aber erst heute finden kann (oder darf). Dazu mehr später.
Doch nochmals kurz zurück zum Rückblick: Eine vom Hausarzt diagnostizierte “endogene” Depression könnte man eben nur mit Antidepressiva heilen, hieß es als ich Maturant und kurz später Zivildiener im Kloster war. “Endogene Depressionen sind vererbt, also ein Fehlhaushalt des Hormonhaushalts, und jene Menschen, die dieses Leid erwischt hat, müssen eben damit Leben lernen.” wurde mir pseudowissenschaftlich indoktriert und vorgepredigt. Da es in meiner Familie eine ausgeprägte Suizid-Vergangenheit gibt, war ich “natürlich” ein klarer Fall. Jedenfalls für den Landarzt vom Dienst, der mich betreute seit ich ein Säugling war.
Soviel zu meiner Genese bis zu jenem Punkt, an dem ich damals in meinem ersten kleinen Studio in Wien saß und den Song “My Ordinary World” schrieb. In mir hatte damals mehr oder weniger autark ein Prozess begonnen. Ein sehr intensiver, oft emotional unerträglicher, bitterer Kampf gegen mein “krankhaftes” Denken und Fühlen. Plötzlich (irgendwann im Winter 2003 muss es gewesen sein) ließ ich all diese Gedanken einfach weg und fühlte einzig und alleine den Moment. Es waren wenige Minuten schier unbeschreiblicher Stille in meinem Kopf. Kein störender Gedanke, der mich vom Jetzt ablenkte. Kein Störgeräusch von innen her. In meiner Brust ein großartiges Gefühl. Weg war der für die Depression symptomatische Druck im Solar Plexus-Bereich. Weg war die Angst. Keine Panik. Kein Stress. Kein “Du sollst, solltest, musst,…….etc.”. Ich saß einfach nur in meinem Studio, auf meinem Schoß hatte ich meine damalige Lieblingsgitarre. Und plötzlich kam mir alles so unbeschreiblich gewöhnlich vor. Einfach, simple, aber sinnvoll, warm, völlig neu und dennoch vollkommen vertraut. Dieses Gewöhnliche war für mich keinesfalls negativ behaftet, sondern unglaublich schön und ja, lebendig. Vor allem fühlte es sich an als einzig und allein meins. Ich bin ich. Ich bin hier. Sonst nichts. Ich schrieb den Song in circa zwanzig Minuten. “Welcome to my ordinary world, the place to be when there’s too much changing. Step inside my ordinary world, once you are in, you will never ever leave it…”
Doch leider blieb ich nicht lange in diesem, auf gut Wienerisch, leiwanden Zustand. Ich trank ein paar Bierchen und entfernte mich sukzessive wieder von meiner “ordinary world”. Und kam lange Zeit nicht wieder dort hin. Am nächsten Morgen quälte ein riesiger, fetter Kater meinen Schädel und ich war nur froh und glücklich nen geilen Song geschrieben zu haben, galt es ja zu dieser Zeit damals noch ganz stark mit meiner Musik etwas “zu erreichen”.
In der Zwischenzeit ist – glücklicherweise – sehr viel geschehen und mein Leben hat sich gerade in den letzten circa drei Jahren sehr stark verändert. Ein Hauptgrund dafür ist sicherlich der Beginn einer äußerst intensiven Auseinandersetzung mit mir, Axel-Dieter Wolph, als Mensch und lebendiges Individuum. Dass dies nicht alleine geht war mir schnell klar. Meine Musik war zwar immer für mich da, auch Freunde und Menschen, die ich liebte. Aber ich fühlte mich zu schwach, um dies alleine zu schaffen. In anderen Worten: Mein Licht war zu schwach, um all die dunklen Orte meines Seins selbst zu beleuchten. Ich brauchte eine zweite Lampe mit eventuell stärkerem Licht. Vor gut zwei Jahren saß ich über Umwege dann plötzlich in den Räumlichkeiten von Dr. Alexander Brem, seineszeichens Doktor der Medizin, Existenzanalytiker und Homöopath. Dies alles sind aber nur Bezeichnungen, die einzig und alleine seine berufliche Tätigkeit bezeichnen. Ich halte ihn für einen sehr erfahrenen, hochsensiblen Menschen mit bemerkenswertem Einfühlvermögen, Geduld und der Fähigkeit, Menschen auf passive aber sehr intensive Art und Weise auf der Reise zu sich selbst zu begleiten. Der Wegweiser bleibt man immer selbst. Wenn man droht zu fallen, dann spannt er ein Netz und fängt einen auf. Wenn man glaubt sich auf sicherem Terrain zu bewegen stößt er einen in die tiefen Abgründe und Tiefen der eigenen Geschichte und des eigenen Leids. Mit der Zeit lernt man somit einen Umgang mit sich selbst. Man beginnt sich dadurch selbst zu verstehen und in weiterer Folge zu begreifen. Man lernt den Zugang zu seiner eigenen “ordinary world”, den Ort der individuellen Präsenz im Hier und Jetzt kennen.
Man kann Dr. Brem somit definitiv als einen spirituellen Lehrer bezeichnen. Davon gibt es da draußen ja sehr viele. Viele sind auch sicher sehr gut. Viele aber auch ganz und gar nicht. Ich hab mich schon vor Jahren mit der Arbeit und den Texten von Osho beschäftigt und fand darin auch wunderbare Antworten auf brennende Fragen. Ein absolutes Highlight ist und bleibt aber auch das Werk von Eckhart Tolle. Er ist selber die tiefen Täler des eigenen Leids durchschritten und hat mit “The Power Of Now” ein faszinierendes Buch geschrieben. Im Dschungel der Esoterik-Selbsthilfe-Bücher wird man dieses Buch wahrscheinlich finden, auch wenn es dort genau nichts verloren hat. Hier geht es um Philosophie der Gegenwart, ja sogar im wahrsten Sinne. Ich meine, dieses Buch sollte jeder einmal gelesen haben.
Während dem Diskurs mit Dr. Brem sind mir immer wieder – interessanterweise – englische Sätze rausgerutscht, die die Situation oder mein Sein sehr gut auf den Punkt trafen. Meistens in Situationen, als mein Denken schon überfordert schien. Wahrscheinlich aber genau deshalb. In genau solchen Situationen sind mir auch die meisten Songs “passiert”. Ich habe keinen meiner bisher circa 150 Songs als bewusstes Vorhaben geschrieben. Sie sind mir immer passiert. In genau solchen Situationen. Und in einer Sprache, die mein Hirn mit mir nicht spricht. Das Englische blieb demnach mein Ventil, mein Anker und in Verbindung mit Musik auch mein Lebensretter. Klingt dramatisch. War auch so.
Einer dieser Sätze war eines Tages im Zimmer von Dr. Brem: “There’s too much noise!” Mein Kopf drohte vor Gedanken zu platzen. Wie ein Druckkochtopf der die Erdäpfel in sich zerdrückt. Angst und Panik in der Brust, Herzpochen, ein steifer Nacken und Kopfschmerzen im Hinterkopf. Ein Zustand, den ich nur zu gut kannte. Doch plötzlich sagte ich “There’s too much noise!” Der Vergleich mit Lärm war perfekt. Es war, als würde ich vor einer kaputten, schrillen, ja unfassbar lauten Lautsprecherbox gefesselt sein. Doch das Denken hinderte mich am Denken. So paradox es klingt. Dann fragte mich Dr. Brem: “Was würden sie am besten tun, wenns so unerträglich laut wird?” Und ich antwortete spontan: “Die Lärmquelle abdrehen”. Dann lachte ich. Atmete tief durch. Die Symptome ließen nach. Sofort sagte meine innere Stimme zu mir “Kann es wirklich so einfach sein?” und ich antwortete, “Ja, shut up and dance!”.
Und somit ist es genau dieser gedankliche Lärm, der mich immer wieder zur inneren Ruhe zurück kommen lässt. Er ist demnach auch nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil, er ist mein Indikator, mein kleiner Helfer. “Noise is my Messenger” könnte man auch sagen. Und Lärm ist gerade in dieser Welt nicht zu meiden. Sei es Lärm von außen oder von innen.
In diesem Sinne: “Shhhhh…!”